Maria de Buenos Aires

Maria de Buenos Aires

María de Buenos Aires
Tango-Operita von Astor Piazzolla, Text von Horacio Ferrer
mit Texten von Italo Calvino in einer Fassung von Martina Veh

In spanischer Sprache mit deutschen Übertiteln,

Ein einzigartiges Gesamtkunstwerk aus Oper, Lyrik und Tanz –  Hommage an Buenos Aires und den Tango, an das menschliche Dasein und städtische Lebensformen

Kaiserslautern, 13. April 2024 - Das Pfalztheater in Kaiserslautern präsentiert mit "Maria de Buenos Aires" ein interdisziplinäres Meiserwerk, eine atemberaubende Inszenierung, die nicht nur durch ihre musikalische Brillanz besticht, sondern auch Musik, Schauspielkunst, Gesang, Tanz, Artistik und innovatives Videodesign unter atemberaubender Verwendung von künstlicher Intelligenz (WE ARE VIDEO aus München) vereint.

Unter der einfühlsamen, klugen Regie von Martina Veh entfaltet sich die Tango-Oper von Astor Piazzolla zu einem ergreifenden Requiem voller Hoffnung, das die Zuschauer in eine Welt zwischen Realität und Phantasie entführt. Martina Veh gab sich nicht mit Lokal-colorit des Südamerikanischen Kontinents (den sie selbst sehr gut kennt) zufrieden, sondern transportiert mithilfe ihrer klugen Fassung, der sie Texte von Italo Calvino aus „Die unsichtbaren Städte“ sowie eine Erzählerfigur (Olaf Becker) hinzufügt, um das deutsche Publikum an die Hand zu nehmen. Sie hat durch ihre Choreografien des sehr divers zusammengestellten Tanzensembles in Kombination mit Artistik, ein berührendes Theatererlebnis geschaffen.

Inhaltlich geht es um die Großstadt als Lebensform und Lebensgefühl mit allen Freuden und Leiden des Zusammenlebens vor und nach dem Tod. Der tragische Lebenslauf der Hauptfigur, Maria de Buenos Aires, die als junge Frau  mit all ihren Hoffnungen, in der Stadt des Lebens ihr Glück finden will, steht für das Schicksal und den Kampf gegen die Zeit jedes einzelnen von uns in den verschiedenen Lebensphasen.

Die Presse beschrieb die Inszenierung als "Ein Abend voller Leidenschaft und Sinnlichkeit, ein Abend aber auch voller Melancholie und Verzweiflung."

Die Schauspielkunst der Darsteller, die eindringlichen Gesangsleistungen, die mitreißenden Tanzeinlagen und die atemberaubende Artistik verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, das die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstformen verschwimmen lässt.

Das Videodesign von WE ARE VIDEO (Raphael Kurig und Christian Gasteiger), eingebettet in die Regiearbeit von Martina Veh, fügt eine weitere Dimension hinzu. Durch geschickt platzierte Projektionen und visuelle Effekte werden die verschiedenen Ebenen der Handlung zum Leben erweckt und die Zuschauer auf eine visuelle Reise mitgenommen, die das emotionale Erleben des Stücks vertieft und erweitert. Das Videodesign arbeitet mit Echtzeit-Technologien, Morphing und bildgebender KI: Das AI generierte Content basierend auf dem Videoinput einer vorher in Unreal-Engine gebauten modernen Stadt, interpretiert somit die Stadt in einem parallelen Vorgang.

Die Ausstattung von Christl Wein Engel bildet die perfekte Kulisse und schafft eine atmosphärische Umgebung, die die Handlung des Stücks optimal unterstützt. Sie hat in enger Zusammenarbeit gemeinsam mit Martina Veh die Fassung erstellt.

Cast

Musikalische Leitung: Anton Legkii
Fassung, Regie & Choreographie: Martina Veh
Ausstattung: Christl Wein
Video: WeareVideo (Raphael Kurig / Christian Gasteiger)
Licht: Manfred Wilking

Chorleitung: Aymeric Catalano
Dramaturgie Andreas Bronkalla
Regieassistenz: Alicia Mayer
choreografische Assistenz: Anna Angelini
Künstlerische Beratung in argentinischer Kultur: German Icancic
Sprachcoach Argentinisch: Tamara Jazmín Odón
Soufflage: Peter Floch
Technik: Matthias Henche / Daniel Hoymann
 
Erzähler: Olaf Becker (Schauspieler)
Maria: Astrid Voßberg (Sängerin / Schauspielerin)
El Duende: Jonathan Möller Montenegro aus Chile (Akrobat / Schauspieler)
La sombra de Maria: Andrea Cisterna Munoz aus Chile (Akrobatin / Schauspielerin)
Payador / Gorron / Psychoanalyst / Voz de Domingo: Oscar Oré (Tenor)
Tanz & Choreographische Materialentwicklung: Anna Angelini, Astria Apel, Mariano Galeano, Saskia Hamala, Hojoon Moon, German Ivancic, Alberto Pagani
Tango Argentino & Choreographie: Astria Apel, Mariano Galeano
Modern Tango: German Ivancic
 
Pfalzphilharmonie Kaiserslautern / Chor des Pfalztheaters

MY POINT OF VIEW

Interview – Maria De Buenos Aires – Martina Veh  20.01.2024 – Fragen an die Regisseurin von Andreas Bronkalla

Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“ ist ein einzigartiges Stück Musiktheater. Der Komponist nennt es eine „Tango-Operita“ und natürlich ist Tango-Musik sehr präsent. Wie würdest du dieses Stück charakterisieren? Argentinien-Folklore in einer Schummerbar? Was bedeutet der Tango?

Es geht um die Großstadt als Lebensform und Lebensgefühl mit allen Freuden und Leiden des Zusammenlebens: Es geht um die Frage nach dem Miteinander sozialer Gefüge, um Ausgrenzung, um Lebens- und Überlebenswillen und die Abgründe, die die gesellschaftliche Dichte mit sich bringt. Was ist diese Großstadt? Wer bin ich in diesem Gefüge? Das ist eine Frage, die uns heutige Großstadt-Nomaden alle angeht.

Wenn ich über die Musikform des Tango nachdenke, so muss ich doch ein klein wenig weiter ausholen, vor allem um bitte auf keinen Fall in einer Folklore, einem Abziehbild zu landen, das weder diesem Stück, noch dem Ursprung des traditionellen Tango gerecht wird. Tango ist ein freier sehr individueller improvisierter Tanz zwischen zwei Menschen, die sich berühren (Tango bedeutet „ich berühre“). Buenos Aires ist geprägt von Millionen von Einwanderern, gebeutelt durch Militärdiktatur und Wirtschaftskrisen, doch immer auferstanden wie Phönix aus der Asche. Europäische Auswanderer suchen nach dem Glück, nach einer neuen Identität am Rio de la Plata, einer jungen Stadt, die erst etwa 1540 (mehrmals) gegründet wird, immer wieder gegen den Willen der Ureinwohner. An den armen Stadträndern der Einwandererstadt ist der Tango im 19. Jahrhundert entstanden als Musik und Tanz in den Kneipen und Tanzsälen und auf den Straßen in der Kluft zwischen Arm und Reich, Hoffnung und Verzweiflung, in einem Milieu von Arbeitslosigkeit, Kleinkriminalität und Prostitution: Afroamerikanischen Elemente, die mit der katholischen Heiligenverehrung verschmolzen,  die Habanera aus Kuba gelangte über Paris hinzu, aus Polen kam die Mazurka, aus Böhmen die Polka, von den ländlichen Gauchos die Payadas und aus Deutschland das Instrument des Bandoneons mit Walzer und Ländler. Das also sind die Einflüsse, die den argentinischen Tango geschaffen haben.

Die Bewohner von Buenos Aires sind zum einen sehr stolz auf ihre Kultur, die heute auch aus einer sehr großen Theater- und Kunstszene besteht, zum anderen zutiefst verunsichert: In keiner anderen Stadt der Welt gibt es so viele Psychotherapeuten.

Dieses Werk, Maria de Buenos Aires, ist absolut einzigartig durch jede Menge Mut, die der Komponist und auch der Textdichter 1968 besaßen, verbale, rhythmische und körperliche Ausdrucksformen zu kombinieren, die auch die heutigen Großstädte als Orte menschlichen Wirkens und Glücksstrebens ausmacht, um durch Einflüsse aus Jazz und neuer Musik eine ganz neue Art von Tango-Musik zu erschaffen.

 

Was ist die titelgebende María für eine Figur? Was ist ihre Geschichte?

Piazolla und Ferrer zeichnen die Stationen im Lebensweg einer jungen Frau in starken Bildern nach, vom Geboren-Werden in Armut mit dem Willen ihr Glück zu finden in der Stadt und dem Verglühen im Strudel des Lebens. Es geht um das elementare Erfahren von Liebe und Verlust, Lebensfreude und Tod. Die Figur der Maria steht für den Lebensweg eines jeden von uns.

Die Figuren wandeln zwischen den Welten und die Geschichten enden nicht mit dem Tod, sondern führen auch in der Unterwelt ihr Eigenleben weiter. Der erste Teil spielt in der realen Welt, in der Duende, der Urgeist des Südamerikanischen Kontinents als Untoter seine Maria, die Liebe seines Lebens, verfolgt. Sie stirbt: Der zweite Teil findet in der Unterwelt statt, der Stadt der Toten.  Der Geist steigt wie ein Orpheus in diese Unterwelt hinab, um seine Geliebte zu finden. Es gelingt ihm schließlich, sich mit Maria zu vereinen. Wie in der durch die Einwanderer mitgebrachten christlichen Erzählung empfängt Maria und gebiert Gott, immer und immer wieder: Ein Mädchen.

 

Interessanterweise gibt es in „María de Buenos Aires“ auch viele sakrale Momente, die Handlung vielfach auch Züge einer Liturgie. Was bedeutet das für deine Konzeption?

 

In meiner Konzeption bilden die Anleihen der religiösen Bilder und Ikonen nicht den Inhalt, sondern wichtiges Assoziationsmaterial. Diese Bilder sind sinnstiftende Auswege für die Menschen, wenn sie sich in Extremsituationen befinden und insofern natürlich von Bedeutung in meiner Bilderwelt.

Man merkt ganz stark in dem Werk wie Ferrer und Piazzolla Ende der 60er Jahre gerade mit den religiösen Mythen und Bildern abrechnen und den Menschen, den Stadtmenschen ins Zentrum stellen –  einerseits ganz einfach in der Rolle einer Frau, Maria. Anderseits steht die Frau, diese sogenannte Maria für die Ikone der Stadterzählung, Erdgöttin, die am Ende immer sich selbst gebiert, Gott gebiert, die Welt gebiert oder umgekehrt die Welt verschlingt. Doch warum ist der Einfluss der Religion auf dem Südamerikanischen Kontinent so wichtig für die beiden Autoren? Blicken wir zurück:

Was prägte diese „Neue Welt“ als sie gegründet wurde? Die Einwanderer brachten den Glauben an die Heilige Maria mit in das Land, die Hoffnung, dass sie gute Winde bringe, so dass eine reiche Heimkehr nach Europa eines Tages möglich werde. Ein Mythos, ein Sehnsuchtsbild ist dadurch entstanden. Gleichzeitig: 1540 hat der Maler Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom des Jüngste Gericht vollendet. Die Kirche steckte damals in einer großen Krise. Durch das Gold aus den südamerikanischen Eroberungen konnte sie sich einen neuen Aufschwung leisten. An der Decke des Lateran, des katholischen Erz-bischofssitzes, hängt beispielsweise eingeschmolzen das Gold der Inka als Kassettendecke. Bittere Geschichte des Kolonialismus. Auch hiermit rechnen die beiden Autoren ab.

Piazzolla bezeichnete seine Oper auch als Hommage an die Stadt Buenos Aires. Was macht Buenos Aires so besonders? Oder steht die argentinische Metropole für das Phänomen Großstadt im Allgemeinen?

Es geht mir um die heutige Großstadt als Lebensform und Lebensgefühl mit allen Freuden und Leiden des Zusammenlebens: Es geht um die Frage nach dem Miteinander sozialer Gefüge, um Ausgrenzung, um Lebens- und Überlebenswillen und die Abgründe, die die gesellschaftliche Dichte mit sich bringt. Was ist diese Großstadt? Wer bin ich in diesem Gefüge?

Besonders reizvoll ist der Faden, den das Stück weiterspinnt in die Welt der Toten. Dieser Surrealismus fasziniert mich sehr und lässt uns gerade in der heutigen Zeit des oft allzu irdisch und ideologisch gefärbten schwarz-weiss Diskurses die Gedanken mal schweben und möglicherweise in einen differenzierteren Kontext bringen.

 

Welche Rolle spielt der Tanz in deiner Inszenierung? Auf unserem Besetzungszettel stehst du auch als Choreographin …

Das Bild ist das eines Stadtgeschehens: Stahlbeton prägt unsere Städte, ein Verbundwerkstoff  aus Beton und Bewehrungsstahl: Darin sieht man Menschen, die zur Arbeit gehen, auf den Bus warten, sich streiten, küssen, betteln, einkaufen, etc…

Die Handlung ist surreal, aber atmosphärisch stark, düster und suggestiv. Im poetischen Text schwingt viel von der unvergleichlichen, schaurig-schönen Atmosphäre des Stadtgeschehens mit. Die hochemotionalen Bilder lassen sich zwar sehr gut in Spielsituationen, Musik und Text wiedergeben, werden aber durch choreografische Elemente im Sinne von Tanztheater, einerseits Massenszenen, andererseits kleines Tänzerensemble, sowie wunderbare südamerikanische Akrobaten, bereichert und im Kern erfahrbar für das Publikum. Auch Tango Argentino wird vorkommen, oder besser gesagt das, was Tango für uns als Bewohner der Städte und als Ensemble dieses Theaters auf der Bühne bedeutet.

Interview – Maria De Buenos Aires – Martina Veh  20.01.2024 – Fragen an die Regisseurin von Andreas Bronkalla

Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“ ist ein einzigartiges Stück Musiktheater. Der Komponist nennt es eine „Tango-Operita“ und natürlich ist Tango-Musik sehr präsent. Wie würdest du dieses Stück charakterisieren? Argentinien-Folklore in einer Schummerbar? Was bedeutet der Tango?

Es geht um die Großstadt als Lebensform und Lebensgefühl mit allen Freuden und Leiden des Zusammenlebens: Es geht um die Frage nach dem Miteinander sozialer Gefüge, um Ausgrenzung, um Lebens- und Überlebenswillen und die Abgründe, die die gesellschaftliche Dichte mit sich bringt. Was ist diese Großstadt? Wer bin ich in diesem Gefüge? Das ist eine Frage, die uns heutige Großstadt-Nomaden alle angeht.

Wenn ich über die Musikform des Tango nachdenke, so muss ich doch ein klein wenig weiter ausholen, vor allem um bitte auf keinen Fall in einer Folklore, einem Abziehbild zu landen, das weder diesem Stück, noch dem Ursprung des traditionellen Tango gerecht wird. Tango ist ein freier sehr individueller improvisierter Tanz zwischen zwei Menschen, die sich berühren (Tango bedeutet „ich berühre“). Buenos Aires ist geprägt von Millionen von Einwanderern, gebeutelt durch Militärdiktatur und Wirtschaftskrisen, doch immer auferstanden wie Phönix aus der Asche. Europäische Auswanderer suchen nach dem Glück, nach einer neuen Identität am Rio de la Plata, einer jungen Stadt, die erst etwa 1540 (mehrmals) gegründet wird, immer wieder gegen den Willen der Ureinwohner. An den armen Stadträndern der Einwandererstadt ist der Tango im 19. Jahrhundert entstanden als Musik und Tanz in den Kneipen und Tanzsälen und auf den Straßen in der Kluft zwischen Arm und Reich, Hoffnung und Verzweiflung, in einem Milieu von Arbeitslosigkeit, Kleinkriminalität und Prostitution: Afroamerikanischen Elemente, die mit der katholischen Heiligenverehrung verschmolzen,  die Habanera aus Kuba gelangte über Paris hinzu, aus Polen kam die Mazurka, aus Böhmen die Polka, von den ländlichen Gauchos die Payadas und aus Deutschland das Instrument des Bandoneons mit Walzer und Ländler. Das also sind die Einflüsse, die den argentinischen Tango geschaffen haben.

Die Bewohner von Buenos Aires sind zum einen sehr stolz auf ihre Kultur, die heute auch aus einer sehr großen Theater- und Kunstszene besteht, zum anderen zutiefst verunsichert: In keiner anderen Stadt der Welt gibt es so viele Psychotherapeuten.

Dieses Werk, Maria de Buenos Aires, ist absolut einzigartig durch jede Menge Mut, die der Komponist und auch der Textdichter 1968 besaßen, verbale, rhythmische und körperliche Ausdrucksformen zu kombinieren, die auch die heutigen Großstädte als Orte menschlichen Wirkens und Glücksstrebens ausmacht, um durch Einflüsse aus Jazz und neuer Musik eine ganz neue Art von Tango-Musik zu erschaffen.

 

Was ist die titelgebende María für eine Figur? Was ist ihre Geschichte?

Piazolla und Ferrer zeichnen die Stationen im Lebensweg einer jungen Frau in starken Bildern nach, vom Geboren-Werden in Armut mit dem Willen ihr Glück zu finden in der Stadt und dem Verglühen im Strudel des Lebens. Es geht um das elementare Erfahren von Liebe und Verlust, Lebensfreude und Tod. Die Figur der Maria steht für den Lebensweg eines jeden von uns.

Die Figuren wandeln zwischen den Welten und die Geschichten enden nicht mit dem Tod, sondern führen auch in der Unterwelt ihr Eigenleben weiter. Der erste Teil spielt in der realen Welt, in der Duende, der Urgeist des Südamerikanischen Kontinents als Untoter seine Maria, die Liebe seines Lebens, verfolgt. Sie stirbt: Der zweite Teil findet in der Unterwelt statt, der Stadt der Toten.  Der Geist steigt wie ein Orpheus in diese Unterwelt hinab, um seine Geliebte zu finden. Es gelingt ihm schließlich, sich mit Maria zu vereinen. Wie in der durch die Einwanderer mitgebrachten christlichen Erzählung empfängt Maria und gebiert Gott, immer und immer wieder: Ein Mädchen.

 

Interessanterweise gibt es in „María de Buenos Aires“ auch viele sakrale Momente, die Handlung vielfach auch Züge einer Liturgie. Was bedeutet das für deine Konzeption?

 

In meiner Konzeption bilden die Anleihen der religiösen Bilder und Ikonen nicht den Inhalt, sondern wichtiges Assoziationsmaterial. Diese Bilder sind sinnstiftende Auswege für die Menschen, wenn sie sich in Extremsituationen befinden und insofern natürlich von Bedeutung in meiner Bilderwelt.

Man merkt ganz stark in dem Werk wie Ferrer und Piazzolla Ende der 60er Jahre gerade mit den religiösen Mythen und Bildern abrechnen und den Menschen, den Stadtmenschen ins Zentrum stellen –  einerseits ganz einfach in der Rolle einer Frau, Maria. Anderseits steht die Frau, diese sogenannte Maria für die Ikone der Stadterzählung, Erdgöttin, die am Ende immer sich selbst gebiert, Gott gebiert, die Welt gebiert oder umgekehrt die Welt verschlingt. Doch warum ist der Einfluss der Religion auf dem Südamerikanischen Kontinent so wichtig für die beiden Autoren? Blicken wir zurück:

Was prägte diese „Neue Welt“ als sie gegründet wurde? Die Einwanderer brachten den Glauben an die Heilige Maria mit in das Land, die Hoffnung, dass sie gute Winde bringe, so dass eine reiche Heimkehr nach Europa eines Tages möglich werde. Ein Mythos, ein Sehnsuchtsbild ist dadurch entstanden. Gleichzeitig: 1540 hat der Maler Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom des Jüngste Gericht vollendet. Die Kirche steckte damals in einer großen Krise. Durch das Gold aus den südamerikanischen Eroberungen konnte sie sich einen neuen Aufschwung leisten. An der Decke des Lateran, des katholischen Erz-bischofssitzes, hängt beispielsweise eingeschmolzen das Gold der Inka als Kassettendecke. Bittere Geschichte des Kolonialismus. Auch hiermit rechnen die beiden Autoren ab.

Piazzolla bezeichnete seine Oper auch als Hommage an die Stadt Buenos Aires. Was macht Buenos Aires so besonders? Oder steht die argentinische Metropole für das Phänomen Großstadt im Allgemeinen?

Es geht mir um die heutige Großstadt als Lebensform und Lebensgefühl mit allen Freuden und Leiden des Zusammenlebens: Es geht um die Frage nach dem Miteinander sozialer Gefüge, um Ausgrenzung, um Lebens- und Überlebenswillen und die Abgründe, die die gesellschaftliche Dichte mit sich bringt. Was ist diese Großstadt? Wer bin ich in diesem Gefüge?

Besonders reizvoll ist der Faden, den das Stück weiterspinnt in die Welt der Toten. Dieser Surrealismus fasziniert mich sehr und lässt uns gerade in der heutigen Zeit des oft allzu irdisch und ideologisch gefärbten schwarz-weiss Diskurses die Gedanken mal schweben und möglicherweise in einen differenzierteren Kontext bringen.

 

Welche Rolle spielt der Tanz in deiner Inszenierung? Auf unserem Besetzungszettel stehst du auch als Choreographin …

Das Bild ist das eines Stadtgeschehens: Stahlbeton prägt unsere Städte, ein Verbundwerkstoff  aus Beton und Bewehrungsstahl: Darin sieht man Menschen, die zur Arbeit gehen, auf den Bus warten, sich streiten, küssen, betteln, einkaufen, etc…

Die Handlung ist surreal, aber atmosphärisch stark, düster und suggestiv. Im poetischen Text schwingt viel von der unvergleichlichen, schaurig-schönen Atmosphäre des Stadtgeschehens mit. Die hochemotionalen Bilder lassen sich zwar sehr gut in Spielsituationen, Musik und Text wiedergeben, werden aber durch choreografische Elemente im Sinne von Tanztheater, einerseits Massenszenen, andererseits kleines Tänzerensemble, sowie wunderbare südamerikanische Akrobaten, bereichert und im Kern erfahrbar für das Publikum. Auch Tango Argentino wird vorkommen, oder besser gesagt das, was Tango für uns als Bewohner der Städte und als Ensemble dieses Theaters auf der Bühne bedeutet.

Video

PRESS

Die Presse beschrieb die Inszenierung als "Ein Abend voller Leidenschaft und Sinnlichkeit, ein
Abend aber auch voller Melancholie und Verzweiflung."
Die Schauspielkunst der Darsteller, die eindringlichen Gesangsleistungen, die mitreißenden
Tanzeinlagen und die atemberaubende Artistik verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, das
die Grenzen zwischen den einzelnen Kunstformen verschwimmen lässt.